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Eine tansanische Hochzeit

Autor: MarielotteDuffe | Datum: 15 März 2016, 11:59 | 0 Kommentare

Ich wurde jetzt schon von einigen Leuten nach dem Text über die Hochzeit gefragt und habe ihn immer noch niemandem geschickt, weil das mit Dokumenten per E-mail versenden immer so eine Sache ist.. deswegen kommt der Text jetzt hier für alle zum lesen:

 

Es ist Freitag und ich darf die Schule heute früher verlassen um auf eine Hochzeitsfeier zu gehen. Es ist eine von drei Veranstaltungen die wir im Zusammenhang mit der tatsächlichen Hochzeit antreten werden. Die heutige Fete ist das Send-Off und nennt sich Edithas Day. Editha ist die Braut und lässt sich also heute rundum befeiern. So richtig kann ich mir darunter aber noch nichts vorstellen. Das ganze soll um 12 losgehen. Um fünf nach 12 kommen wir an- 'wir' sind Marki, Rapho und Ich. Es sind, wie bei fast jeder größeren Fete hier in der Gegend, Pavillons in einem Kreis aufgestellt. An der einen Seite ist der Eingang, von dort aus führt ein Weg zu zwei weißen Thronen. Darum herum stehen Stühle, in weißen Hussen verpackt. Weil wir das Brautpaar nicht kennen, sondern mehr als Beobachter da sind, setzen wir uns nach hinten in die Ecke. Um 14 Uhr geht los. Inzwischen haben sich fast alle Stühle gefüllt und es kommen erst die Familien des Brautpaares herein getanzt, dann der Bräutigam mit seinem Trauzeugen, dann die Trauzeugin und zum krönenden Abschluss die Braut. Sie trägt ein pinkes Tüllkleid, das von oben bis unten glitzert. Darüber hat sie noch ein silbern glänzendes Jäckchen. Ihre Haare sind hochgesteckt und glitzern ebenfalls. Sie sieht aus wie eine dicke, schwarze Barbie. Dass sie dick ist wird hier als etwas sehr schönes und allgemein positives angesehen und ist deswegen keineswegs als Beleidigung gemeint!

Vor Editha hat sich ein Pulk aus Menschen mit Handys und Kameras gebildet. Sie tanzt jetzt eine ganze Weile auf der Stelle im Eingangsbereich herum und scheint etwas zu suchen. Ich mache mir schon sorgen, dass irgendetwas fehlt oder schiefläuft, aber dann wird mir erklärt, dass sie sich jetzt ihrem Bräutigam aussucht. Natürlich hat sie sich das schon lange im voraus überlegt (steht ja auch schon alles auf der Einladung) aber es ist einfach ein schöner Brauch. Sie tanzt also langsam auf ihren Liebsten zu, der sich mit seinem Trauzeugen zu uns in die Ecke verzogen hat. Dabei wird sie von einer Schar von Kameras verfolgt. Gemeinsam mit Bräutigam und Trauzeugen tanzt Editha zurück zum Eingang, wo jetzt ein Pinkes Absperrband angebracht wurde, welches das Brautpaar zu lautem Gejubel gemeinsam durchschneidet. Dann tanzen sie also weiter in Richtung Thronen. Anders als ich erwartet habe sind die zwei Thronen aber nicht für Braut und Bräutigam, sondern für Braut und Trauzeugin. Mit einiger Hilfe schafft es Editha samt Glitzerkleid auf ihren Thron.

Jetzt werden Reden gehalten und Lieder gesungen. Ein Chor ist auch da und führt ein paar Lieder vor. Zwischendurch Tanzen aus Gründen die ich nicht kenne, ein paar Frauen einen traditionell Tansanischen Tanz. Das sieht ein bisschen aus wie der Befruchtungstanz von Tropenvögeln. Die Frauen beugen ihren Oberkörper nach vorne und springen so, dass ihre Pos auf und ab wackeln. Dabei bewegen sie ihre Füße ganz schnell hin und her. Es ist schwer zu beschreiben und bestimmt anstrengend zu tanzen, sieht aber super aus.

Und da kommt die Torte! Das läuft vorerst ganz ähnlich ab wie man das von 'Vier Hochzeiten eine Traumreise' oder eben aus irgendwelchen Filmen kennt. Die Torte kommt mit viel Padauz und Trara und Licht und Musik, das Messer wird zu zweit gehalten und dann wird gefüttert. Nur eben, dass das ganze schon wieder nicht mit dem Bräutigam, sondern mit der Trauzeugin gemacht wird. Das ganze passiert zu spektakulär spannender Musik die mich an Mission Impossible erinnert. Die Hochzeitstorte besteht aus mehreren kleinen Torten, die dann von der Braut an verschiedene Leute verschenkt werden. Eine geht an den Liebsten, eine an seine Eltern, eine an Edithas Eltern und eine an die Freunde, die die Fete organisiert haben. Das ganze Torten-verteilen wird natürlich tanzend vollzogen. Danach kommt der Champagne. Zwei Freunde des Brautpaares bringen jeweils eine Flasche und tanzen einen Schütteltanzt. Ich kann gar nicht richtig hinsehen. Die Flaschen werden in alle Richtungen durchgerüttelt, dann schon mal bis auf den Korken geöffnet und noch mehr geschüttelt. Ich denk schon es ist jeden Moment vorbei und es gibt tote und verletze, aber es geht alles gut, die ersten Reihen werden nass und Braut, Bräutigam und die Trauzeugen bekommen jeder ein Glas gefüllt. Jetzt muss jeder einmal anstoßen. Also Tanzen alle Gäste der Reihe nach nach vorne. Getränke wurden am Anfang verteilt, aber meine Cola ist schon leer. Man kann aber auch mit leeren Flaschen anstoßen, da bin ich nicht die einzige.

Danach gibt es endlich Essen. Laut Programmzettel sollte es das schon vor drei Stunden gegeben haben, aber an solche Situationen bin ich inzwischen einigermaßen gewöhnt. Auf dem Buffet gibt es, wie eigentlich immer auf Buffets, Reis, Bohnen, Bananen, Kartoffeln, jede Menge Fleisch und Fisch, andere Bohnen und ein bisschen Gemüse.

Nach dem Essen geht die Party richtig los. Die Musik wird lauter und Leute fangen an zu tanzen. Wir müssen leider nach Hause. Den Grund habe ich nicht ganz verstanden, wir wären alle gerne länger geblieben, aber Linda hatte uns eine Mitfahrgelegenheit besorgt. Ist aber nicht so schlimm, schließlich geht es morgen schon früh weiter!

 

Samstag Morgen

Wir haben uns für den heutigen Anlass Kleidung schneidern lassen. Marki und Rapho jeweils eine Hose und ein Hemd, Rapho sogar noch eine Weste und ich ein Kleid (siehe Foto). Wir hatten einige Schwierigkeiten mich in mein Kleid zu bekommen, weil der Reißverschluss immer hängt. Deswegen müssen wir jetzt los sprinten um pünktlich um 9:30 Uhr an der Kirche zu sein. Wir wollen schließlich nichts von der Trauung verpassen.

Als wir ankommen ist die Kirche noch leer und von dem Brautpaar keine Spur. Wir setzen uns in die letzte Reihe.

Anderthalb Stunden später hat sich dir Kirche gefüllt und es geht los. Nach drei Stunden Trauungslosem Gottesdienst verlassen alle Leute die Kirche und uns wird erklärt, dass der Gottesdienst für die Trauung in einer halben Stunde los geht. Das hätte man natürlich auch vorher erwähnen können, aber der Gottesdienst war ja auch nett.

Wie im Fernsehen steht der Bräutigam vorne am Altar, doch bevor die Braut kommt, tanzen erst Familie und Trauzeugen herein. Das dauert eine ganze Weile und erhöht die Spannung. Und da kommt sie! Editha trägt heute ein Weißes Tüllkleid mit noch mehr Glitzer als gestern. Dazu trägt sie einen Schleier, der ihren ganzen Kopf bedeckt. Sie kommt sehr, sehr langsam und wenig schwungvoll in die Kirche und sieht totunglücklich aus. Das muss hier aber so sein, denn heute ist der Tag an dem Editha sich von ihrer Familie trennt und zu ihrem Mann zieht (vermutlich findet der Umzug nicht heute noch statt, aber eben symbolisch). Am Anfang scheint alles wie ein normaler Gottesdienst. Es wird viel gesungen, gebetet und Psalmen gesprochen.

Dann kommt endlich das Eheversprechen und das Ja-Wort, bzw. Ndiyo-Wort. Jetzt geht die Gemeinde der Reihe nach nach vorne, jeder wirft Geld in einen Korb und gratuliert danach dem Brautpaar. Ich weiß nicht ob mein Geld jetzt an das Brautpaar, an die Kirche oder an etwas ganz anderes geht, aber ich bin sicher es wird gut investiert.

Am Ende feiern wir noch Abendmahl. Dazu wird immer das selbe Lied gesungen und die Gemeinde kommt der Reihe nach zum Altar. Die letzte Reihe zuerst. Es sind sowieso immer zwei Pfarrer anwesend, der eine taucht die Oblate in wein und gibt sie dem anderen Pfarrer, der sie dann in meinen Mund legt. Vom Abendmahl aus geht es direkt nach draußen und der Gottesdienst ist vorbei. Irgendwie erscheint mir das etwas abgehackt und ich bin nicht sicher wie es jetzt weitergeht aber alle anderen scheinen einen Plan zu haben.

Wir stehen also alle vor der Kirche herum, das Brautpaar ist irgendwohin verschwunden. Dann tauchen auf einmal sicher zwanzig Motorradtaxen auf und die Gäste steigen nach und nach auf. Elias sagt uns wir sollen uns auch auf Motorräder setzen und das tun wir. Ich teile mir eins mit Rapha. Dann geht es los. Ein großes Auto fährt mit den Trauzeugen beladen voran, alle Motorräder hinterher. Mit wildem Gehupe fahren wir einmal durchs ganze Dorf. Zwischendurch artet das ganze in eine Art Wettrennen aus und unser Taxi schafft für einige Zeit auf den ersten Platz. Ein riesen Spaß!

Angekommen bei der Festlocation zeigen wir unsere Einladungskarten vor und suchen uns gute Sitzplätze aus. Die Stühle stehen in Reihen angeordnet, sodass alle Gäste immer den Blick nach vorne zum Brautpaar gerichtet haben welches, als alle Gäste sitzen, wie gewohnt herein getanzt kommt. Was danach folgt ist grob gesagt eine Wiederholung des Send-Offs, nur eben durchgeführt mit dem Bräutigam. Es wird also viel durch die Gegend getanzt, gratuliert, Geld geschenkt, Kuchen angeschnitten, Champagne geschüttelt und angestoßen. Uns wurde gesagt, dass wir kein Geschenk brauchen. Auf anderen Hochzeiten die ich besucht habe war es auch so, dass nur der engste Familienkreis Geschenke hatte. Doch auf einmal steht die gesamte Festgesellschaft nach und nach auf und tanzt mit Geschenken nach vorne. Wir schämen uns so schon schrecklich dafür, dass wir nicht nach vorne gehen, aber das scheint als Strafe nicht zu reichen. Der Moderator der Hochzeit kommt mit dem Mikro zu uns, lässt uns aufstehen und wir müssen erklären, weswegen wir kein Geschenk haben. Wie Peinlich. Elias - der uns gesagt hat wir bräuchten kein Geschenk - bekommt darauf hin ein schlechtes Gewissen und bittet uns alle nach vorne. Er erklärt vor allen Leuten dass es seine Schuld ist und schlägt vor, dass wir als Entschädigung jetzt etwas vortanzen. Was zum?! Das kommt ordentlich überraschend aber was solls. Wir stehen also zu viert vorne, die Musik geht an und wir Tanzen. Die Leute wirken alle reichlich unbeeindruckt und nach fünf Minuten ist es endlich vorbei. Wir ernten einen kleinen Mitleidsapplaus und dürfen uns wieder setzten. Jetzt fühlen wir uns alle so richtig schön unwohl. Als das Programm zu ende ist geht genau wie beim Send-Off die Musik an und alle fangen an zu Tanzen und wir steigen natürlich voll ein. Weil die Peinlichkeit von vorher aber immer noch irgendwie im Raum schwebt beschließen wir heute freiwillig früh zu gehen. Was ein merkwürdiger Tag.

 

 

 

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